Mut machen fürs Ehrenamt (Rede anlässlich der Weihnachtsfeier des Stadtrats)

Liebe Stadträtinnen und Stadträte, lieber Bürgermeister, sehr geehrte Ortssprecher und Mitarbeiter der Verwaltung, sehr geehrte Begleitende

 

Für diesen Anlass eine vernünftige Rede zu verfassen, ist mir diesmal wahnsinnig schwergefallen. Zu viel ist mir durch den Kopf gegangen. Und das meiste davon war bedrückend: Eine Welt, in der sich immer mehr Bürgerinnen und Bürger ein negatives Menschenbild aufschwatzen lassen; Stichworte: Bürgergeld, Migration, angebliches Versager an allen Ecken und Enden; der allzu lasche Umgang mit dem Klimawandel, der Urkainekrieg; ein narzisstischer, größenwahnsinniger und wirrer US-Präsident, der am liebsten die ganzen von Politiker und Diplomaten mühsam geknüpften Netze zerschneiden und durch einen Marktplatz ersetzen würde: Dort würde er dann mit seinem großen Geldbeutel auftreten und alles bestimmen; ein russischer Präsident, der wiederum seinen Größenwahn und Narzissmus dadurch nährt, indem er morden und foltern lässt und Hunderttausende von jungen Menschen in den Tod schickt; ein Land, in dem ich lebe, in dem die politische Elite mehr Zeit darauf verwendet, angebliche Fehler in der Vergangenheit zu reparieren, anstatt auf den Zug in die Zukunft aufzuspringen. Dann gibt es noch die Unzufriedenheit über die Bürokratie und die Deutsche Bahn und darüber, dass ein anderer mehr vom Staat bekommt als man selbst. All diese Themen und noch viel mehr verbinden sich zu einen dunklen Gewebe, das über unserem Land liegt wie ein schweres schwarzes Tuch.

Doch das will ich nicht. Das ist nicht mein Lebensgefühl. Mein Leben soll freudig und leicht sein. Ich will Freude haben, an dem, was ich tue. Ich will am Morgen auswachen und laut Ringelnatz rezitieren:

Ich bin so knallvergnügt erwacht.

Ich klatsche meine Hüften.

Das Wasser lockt. Die Seife lacht.

Es dürstet mich nach Lüften.

 

So möchte ich leben. Der Philosoph Epikur spricht da von Ataraxia – heiterer Gelassenheit. Heiter und gelassen – so hätte ich das Leben gern.

Aber wie komme ich dahin? Weihnachten macht es möglich: Ich schreibe einen Wunschzettel ans Christkind.

 

Mein Wunschzettel:

Liebes Christkind.

Nachdem du mir im letzten Jahr weder die Taucherausrüstung noch das das E-Bike, sondern zwei Paar Socken, einen Pullover und ein dickes Buch gebracht hast, wünsche ich mir etwas, was nichts kostet. Vielleicht klappt es ja diesmal.

Liebe Christkind, das Erste, was ich mir wünsche, wäre, dass viele meiner Mitmenschen, die ständig klagen, einfach einmal sehen, unter welch guten Umständen sie leben, weil andere – ganz freiwillig – Gutes tun. Ohne diese guten Mitbürger gäbe es keine freiwillige Feuerwehr, keinen Sport- oder Kulturverein, keinen Obst- und Gartenbauverein (auf den komme ich am Schluss noch einmal), es gäbe keine Bürgerinitiativen, keinen Elternbeirat. Es gäbe bei uns kein Stadtfest. Keine Konzerte. Keine Vorträge und kein Festspiel. Keinen Trachtenverein und keinen Chor. All das ist nur möglich, weil Menschen mehr tun, als sie tun müssten. All das ist nur möglich, weil viele Menschen Gutes tun und unser Leben besser machen

Und sogar, wenn wir an die viel gescholtene Politik denken, ist sie das Ergebnis von Menschen, die erst einmal völlig unbezahlt ihre Freizeit und ihre Kraft dafür einsetzten, dass am Ende etwas Gutes herauskommt. Schließlich sitzen auch dort, wo Politiker ordentlich bezahlt werden, Bürgerinnen und Bürger, die sich vorher oft über Jahrzehnte ehrenamtlich in Stadtrats- oder Kreistagssitzungen, auf Parteikongressen oder Versammlungen ihre Freizeit für das Gute in unserer Gesellschaft einsetzten. Und das gilt natürlich auch für die meisten Verbände, die die Interessen ihrer Mitglieder vertreten. Auch hier arbeitet ein Heer von Ehrenamtlichen den wenigen Profis an der Spitze zu. Oder bei den Gewerkschaften … Das Ehrenamt ist das Herz unserer Gesellschaft. Das Ehrenamt ist das Herz unserer Demokratie. Aber eine Krise des Ehrenamts ist auch eine Krise der Demokratie.

 

Liebes Christkind, verstehst du, was ich meine? Das ist so ein großer Schatz, ohne den das Leben nicht so gut wäre, wie es ist. Ohne ihn wären wir um vieles ärmer – allein, wenn wir all diese Dienstleistungen bezahlen müssten. Das würden wir gewaltig im Geldbeutel spüren. Wir wären aber auch um viele Fähigkeiten ärmer, weil sich die meisten Menschen in Bereichen engagieren, in denen sie nicht beruflich tätig sind. Da führt ein Informatiker in einem Theaterstück Regie; da ist der Bauingenieur Vorsitzender des Kulturvereins; da lernt Studiendirektor, wie Kindergärten oder Radwege finanziert werden. Das alles macht unser Gemeinwesen reicher und uns als Personen kompetenter, Ehrenämter geben uns Stolz und Würde – oft auch, wenn es vielleicht im Beruf oder in ihrer Familie nicht so klappt.

Liebes Christkind, öffne uns nicht nur dafür die Augen, was wir haben, sondern bring auch – und das ist meine zweite große Bitte – die ewigen Nörgler so weit, zu erkennen, dass vieles von dem, was sie kritisieren, das Ergebnis davon ist, was Laien in ihrer Freizeit gestemmt haben – keine Fachleute. Und dass es oft auch ein hart erkämpfter Kompromiss ist und daher niemals perfekt sein kann. Und vielleicht wäre das Ergebnis ja auch viel besser, wenn diejenige, die es vielleicht ja wirklich besser wissen, ihr Wissen und ihre Kenntnisse nicht, auf dem Sofa sitzend, für sich behalten und dann sich mit ihrer Nörgelei über diejenigen stellen, die sich für sie den Arsch aufreißen – sondern selbst einmal zupacken. Gerade diese Nörgelei verunsichert viele und hältdie Guten davon ab, im Ehrenamt Verantwortung zu übernehmen. Liebes Christkind, bring die Nörgler bitte zum Nachdenken! Gib den Zögerlichen eine Chance.

Und damit komme ich, liebes Christkind, zu meiner dritten, recht kurzen Bitte. Gibt denjenigen, die noch damit zaudern, sich zu engagieren, den Mut, es anzupacken. Und sag ihnen, dass ein ehrenamtliches Engagement ein großer Gewinn ist, dass es oft den Blick auf die Welt und die Menschen erweitert und dass sie keine Angst vor Anfeindungen zu haben brauchen. Wir passen schon auf sie auf.

Und gibt es noch einen vierten Wunsch? Klar. Zaubere für den Obst- und Gartenbauverein einen glaubwürdigen Vorsitzenden her! Das wäre großartig.

Liebes Christkind, merkst du, dass das alles nicht kostet? Alles völlig kostenlos. All das würde unsere Welt heller und leichter machen, heiterer und gelassener! Also hopp!

Aber wahrscheinlich wird es wieder nichts damit. Mein Vorschlag: Bring mir dann wenigstens in diesem Jahr die Taucherausrüstung und das E-Bike. Wenn es wieder Pullover, Socken und Bücher werden, bin ich stinksauer.

Dein Christian

Kommentar verfassen

Artikel kommentieren


* Pflichtfeld

Mit der Nutzung dieses Formulars erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer Daten durch diese Website einverstanden. Weiteres entnehmen Sie bitte der Datenschutzerklärung.

Verwandte Artikel