Liebe Freundinnen und Freunde,
beim Ausmisten meines Computers stieß ich auf einen Text, den ich vor ein paar Monaten verfasst hatte und den ich euch nicht vorenthalten will:
Als Historiker durchlief ich drei Phasen, von denen die erste – ganz am Anfang – die Phase des Erstaunens war: Ich beschäftigte mich mit der Vergangenheit und es ploppte immer wieder der Gedanke auf: Ach, so ist das! Eine spannende Zeit! Und wenn ich wirklich Glück habe, erlebe ich das auch heute noch. Die zweite Phase war die der Untätigkeit. Ich gestehe, dass ich mich mehrere Jahre lang auf den Erkenntnissen der ersten Phase ausgeruht habe und recht erfolgreich mein Geld damit verdient habe, geschichtliche Basics an Menschen zu vermitteln, die davon keine oder wenig Ahnung hatten. Das waren hauptsächlich Schüler, Freunde, Bekannte und die Familie, aber auch Gäste eines Luxushotels. Auch eine gute Zeit. Und jetzt? Jetzt bin ich in einer Zeit des etwas genervten „Nicht schon wieder!“ – in einer Zeit also, in der das Vertrauen in den Verstand derjeniger abnimmt, die sich um einen Rahmen bemühen sollten, in dem wir gut leben können. Sie haben wahrscheinlich keine Ahnung von unserer Geschichte. Und so kann es passieren, dass sie Fehler der Vergangenheit wiederholen.
Keine Angst, ich will jetzt nicht auf den unseligen AfD-NS-Vergleich eingehen. Der passt oder er passt nicht, je nachdem, was man damit beweisen will. Vielleicht sollte man jedoch ihre fanatischsten Anhänger darüber informieren, dass „Revolutionen“ entweder „ihre Kinder fressen“ oder sie einfach in einer nachrevolutionären Normalität versinken lassen.
Beispiele für die Fraßtheorie sind die Französische Revolution, bei der kaum einer der Lauten vom Anfang fünf Jahre nach Revolutionsausbruch noch am Leben war, oder die Herrschaft der Kommunisten; auch hier entledigte sich eine machtbesessene Clique sehr schnell ihrer Kumpels aus der Frühphase – Stichwort: Stalinismus. Oder, was unseren Freunden von der AfD vielleicht nähersteht: der Nationalsozialismus. Hier entledigten sich Hitler und seine Freunde im Röhm-Putsch 1934 der wichtigsten Funktionäre der SA und einiger Prominenter, die in der Zukunft unangenehm hätten werden können, weil sie zu viel aus der Frühzeit wussten, vielleicht hätten Machtansprüche hätten stellen können oder zu populär waren. Es wurden auch ein paar erschossen, weil sich die illegalen Exekutionskommandos in der Hausnummer geirrt oder den Namen falsch zugeordnet hatten. Und wie legitimierten die NS-Oberen diese Aktion? Sie behaupteten einfach, sie hätten einen Putsch gegen Hitler verhindert und dem seien sie durch eine beherzte Aktion zuvorgekommen. Dass es dafür keine gesetzliche Grundlage gab … Wen interessiert es? So ist das eben in einer Diktatur.
Und die Sumpftheorie? Bestes Beispiel: Deutschland! Ich kenne keinen einzigen Revolutionär von 1989, der danach politisch als solcher noch längere Zeit relevant war. Alle aufgesaugt im bundesrepublikanischen Alltag oder ausgespuckt, weil nicht kompatibel. Übrig geblieben sind die Vorsichtigen wie Angela Merkel oder Gregor Gysi. Vielleicht ist das ja auch gar nicht so verwunderlich, da das Ergebnis, der Anschluss der alten DDR an die bestehende Bundesrepublik, nun sicherlich nicht das war, was die jungen Barrikadenstürmer sich erhofft hatten.
Fazit: Umstürze nutzen in der Regel nur wenigen Revolutionären, haben auch unter den Revolutionären viele Verlierer und nutzen wahrscheinlich meist denen, die sich schnell mit der neuen Macht arrangieren können. Vielleicht noch eine kurze Formel der Revolution: C +Vu= Mc-V – Für eine ordentliche Revolution braucht man eine schlaue Clique, die weiß, was sie will, einen großen Teil des Volkes, der mit den bestehenden Umständen unzufrieden ist und den Kopf hinhält. Ist die Revolution erfolgreich, hat die Clique die absolute Macht und versucht, diejenigen loszuwerden, die ihren Kopf hingehalten haben, weil man von denen ja weiß, dass sie unzuverlässig sind. Doch auf wen stützten sie sich dann? Auf diejenigen, denen Politik egal war. Auf die Masse, die jeden Mist mitmacht.

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