Frühlingsgedanken zur großen Politik: Katherina Reiche verstehen

Ich habe ja an sich ein positives Menschenbild und unterstelle meinen Mitmenschen auch dann nichts Böses, wenn sie etwas tun, was sich meiner Logik oder Moral entzieht. Und als Historiker bin ich auch noch darin geübt, Menschen zu verstehen, auch wenn sie zeitlich weit weg sind und ich ihre Handlungen nicht billige.

Aber an den Vorschlägen von unserer Gas-Katl, alias Katherina Reiche, biss ich mir bislang die Zähne aus, bis mir eine Beobachtung einfiel, die schon einige Jahre zurückliegt: Mein Nachbar mähte eines Abends etwa um acht Uhr im Hochsommer – warum auch immer – seinen Rasen, was mich zu einen etwas erstaunte, zu anderen etwas ärgerte, weil ich mit gerade eine Flasche Rotwein geöffnet hatte und den Abend genießen wollte. Besagter Nachbar trug, um sich vor dem Lärm des Rasenmähers zu schützen, massive Ohrenschützer. Und ich dachte mir, dass hier jemand an sich das Problem schon erkannt, aber den falschen Schluss daraus gezogen hat. Mein Nachbar wusste, dass Lärm laut ist und daher schädlich sein kann; daher die Ohrenschützer. Was er aber nicht machte, war, den Gedanken so weiterzudenken, dass Lärm auch für seine Umwelt unangenehm sein könnte und sich eine andere Mähzeit anbieten würde.

Bei Gas-Katl ist das ganz ähnlich. Ich unterstelle ihr nicht, dass ihre Idee, die Erneuerbaren zu bremsen, mit dem freiwerdenden Geld das Netz auszubauen und für die daraus resultierenden Dunkelflauten Gaskraftwerke aufzubauen, plumper Lobbyismus ist oder der durchaus nachvollziehbare Versuch, auch dann im politischen Spiel zu bleiben, wenn die AfD das politische Sagen haben sollte. Nein, das unterstelle ich ihr wirklich nicht. Ich glaube auch nicht, dass sie jeden Sonntagabend, mit ihrem Lebensgefährten Karl-Theodor zu Guttenberg und dem Bratwurst-Markus am Tisch sitzt und die beiden überlegen, wie die Katl in der kommenden Woche wieder eine bundesweite Schlagzeile produziert, egal, ob eine gute oder schlechte. Auch das glaube ich nicht. Dazu ist sie zu willensstark und zu emanzipiert, die Gaselle aus Luckenwalde.

Ich glaube viel mehr, dass sie sich ihr Konzept selbst ausdachte. An sich ist ihre Analyse ja richtig: Das bestehende Stromnetz kann den Strom aus erneuerbaren Energien nicht aufnehmen, wenn beispielsweise der Wind zu kräftig bläst oder die Sonne zu intensiv scheint. Das liegt besonders daran, dass diese Energie inzwischen dezentral erzeugt wird und das Stromnetz nicht darauf ausgelegt ist, weil die großen Netzbetreiber in den letzten Jahrzehnten nicht angemessen investierten. Um die Netze nicht zu überlasten, muss man daher die Stromerzeuger in diesen Phasen teilweise abschalten. Und für die Phasen des Stillstands bekommen die Betreiber eine Ausgleichszahlung. Das hat Katl alles verstanden.

Leider versäumt sie es, deutlich zu machen, dass das Netz deswegen veraltet ist, weil man in den guten alten Merkelzeiten da nichts investierte. Die Folgen davon sah man deutlich im Hirschauer Stadtrat: Immer, wenn eine große PV-Anlage genehmigt werden sollte, war die Frage, wo der Einspeisepunkt sei. War er zu weit von der Anlage weg, konnte es geschehen, dass der Antrag abgelehnt wurde oder zurückgezogen wurde, weil über weite Strecken vom Betreiber Leitungen – oft durchs Stadtgebiet – verlegt werden mussten und das die Kosten am Anfang extrem in die Höhe trieb.  Ich kann mich sogar an einen Fall erinnern, in dem die Betreiber anboten, ein eigenes Umspannwerk zu errichten bzw. zu finanzieren, damit er seine Anlage an Netz bringen kann. Das wäre allerdings die Aufgabe des Netzbetreibers gewesen, der sich noch dazu weigerte, dem Antragssteller am Anfang des Verfahrens einen Einspeisepunkt zuzuweisen …

Und jetzt will Gas-Katl etwas ändern, wird sie kreativ und ich glaube wirklich, dass sie sogar stolz auf sich ist. Sie hat die Idee, dass sie eben nicht dafür sorgt, erst einmal das Stromnetz so auszubauen, dass es zur neuen dezentralen Struktur passt, obwohl das Geld aus dem Sondervermögen ja gerade für solche Projekte bereitstehen sollte. Nein, Katl denkt anders: Sie reduzierte die Anzahl der Produzenten, indem sie ihnen die Anreize nimmt: weg mit der Einspeisevergütung, weg mit den Ausgleichszahlungen. Dadurch spart der Staat und muss auch nicht dafür sorgen, dass das Netz auf den neuesten Stand gebracht wird. Das sind schnelle und unkomplizierte Maßnahmen.

Und Katl dachte sogar weiter: Sie erahnt, dass sie dadurch viele Unternehmen in den Ruin treibt und es auf lange Sicht weniger Produzenten und daher auch mehr Dunkelflauten geben wird. Und um die zu überbrücken brauchen wir Gaskraftwerke, die sie wahrscheinlich mit dem gesparten Geld finanziert. Das muss nichts mit Lobbyismus zu tun haben. Das könnte auch Logik sein.

Und jetzt muss man sich vorstellen, wie sie diese Idee dem Fritze Merz vorträgt und er ihr von oben – er ist ja so groß und sie so klein – über den Kopf streichelt und sagt: „Katl, das hast du gut gemacht!“ Und ihre Augen strahlen und sie ist stolz auf sich, weil sie so kreativ war und der große Fritze sie gelobt hat.

Jetzt aber komme ich daher, der Spaßverderber, und sage ihr: „Katl, der Anfang deines Plans ist genial, weil das Netz wieder zur Produktion passt und der Staat Milliarden sparen könnte. Aber es ist schade, dass du nicht weiterdachtest. Wenn dein Plan umgesetzt wird, treibst du uns weiter in die fossile Abhängigkeit von unberechenbaren und autoritären Staaten; wenn dein Plan umgesetzt wird, zerstörst du ganze Industriezweige und verarscht Millionen von gutwilligen Bürgern; wenn dein Plan umgesetzt wird, verabschiedet sich Deutschland so ganz langsam aus der Moderne und wird zum großen Industriemuseum. Das will doch keiner! Du auch nicht, oder? Katl, nimm deine Konzept noch mal mit nach Hause, denk noch einmal darüber nach und leg es mir noch einmal vor, wenn du es durchdacht hast!“

Irgendwie werde ich den Lehrer in mir nicht los.

Christian Feja

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